Polar Night Halfmarathon 2017 – Herausforderung pur bei Norwegens nördlichstem Winterrennen (21,1 km/HM)

Mein traditioneller Jahresauftakt fand in diesem Jahr einmal nicht, wie sonst üblich, in Haltern beim Volkslauf „Rund um den Halterner See“ statt, sondern im rund 2.100 Kilometer entfernten Tromsö in Nord-Norwegen. Hier hatte ich den Polar Night Halfmarathon als diesjähriges Startrennen ausgewählt.

Tromsö ist mit rund 73.800 Einwohnern die achtgrößte Stadt in Norwegen, die größte Stadt in Nord-Norwegen, beheimatet die nördlichste Universität und mit der Eismeerkathedrale auch die nördlichste Kathedrale der Welt. Mit rund 350 Kilometern über dem Polarkreis gelegen, liegt Tromsö auf der geographischen Breite von Nord-Alaska. Sprich, warm ist woanders.

Ich hatte mir Tromsö als Testlauf für den Sibirian Ice Marathon im kommenden Jahr in Omsk/Russland zur selben Zeit ausgewählt. Zielsetzung war, einmal zu testen, wie ich mit den Bedingungen, also dem Laufen mit Spikes auf Schnee und Eis und entsprechenden klimatischen Bedingungen, zurechtkomme. Als vorweggenommenes Fazit kann ich sagen, alles hat bestens geklappt – I suvived the race!

Am Freitagmittag bin ich so von Hamburg, über Oslo, nach Tromsö in die Dunkelheit geflogen. Die Polarnacht, die mich erwartete, dauert von Ende November bis Ende Januar. Nur an rund 3 Stunden am Tag gibt die Sonne für kurze Zeit Licht. Mit dem Flybuss ging es in nur 15 Minuten in die Innenstadt von Tromsö zum Thon Hotel Polar. Dieses Hotel kann ich wärmstens empfehlen.

Am Samstag, dem Raceday, stand morgens ein reichhaltiges Frühstück auf dem Programm. Danach Sightseeing in Tromsö, was relativ einfach ist, da alles ziemlich nah beieinander liegt. Lediglich die Eismeerkathedrale liegt auf der anderen Seite des Tromsöysund, ist aber über eine Brücke, die zudem recht imposant ist, zügig zu erreichen. Ab 11 Uhr kam dann auch die Sonne ein wenig raus, so dass es heller wurde und man die umliegenden Berge sehen konnte.

Nachdem ich meine Besichtigungstour durch Tromsö beendet hatte, ging es zum Rathaus in die Innenstadt, wo man sich bereits ab 10 Uhr seine Startunterlagen abholen konnte. Hier gab es nicht nur erste kostenlose Wasserflaschen als Wegzehrung für den Nachmittag und schicke Läufershirts zu kaufen, auch wurde jeder Chip in der Startnummer noch einmal via Scan getestet. Nun hatte ich noch bis 14:45 Uhr Zeit und habe mich im Hotel mit einer Mittagsruhe auf den Lauf vorbereitet.

Der Polar Night Halfmarathon ist das größte Winterrennen in Norwegen und gleichzeitig der nördlichste, durch AIMS (Association of International Marathons and Distance Races) zertifizierte, Halbmarathon der Welt. In diesem Jahr starteten rund 1.800 Teilnehmer aus 46 Nationen. Um 14:45 Uhr war großes Treffen auf dem Platz Stortorget. Mittlerweile war es auch schon wieder seit 14 Uhr dunkel geworden. Zur Einstimmung auf den Lauf gab es ein mit Musik untermaltes Warm-up. Dies war bei rund -5 Grad auch durchaus angebracht. Pünktlich um 15 Uhr fiel dann der Startschuss zu meinem wohl ungewöhnlichsten Rennen bisher.

Meine Zielsetzung war klar. Es ist kalt, so liebe ich es, du schaffst eine Zeit unter 1:45:00. Das sollte allerdings nicht zu schaffen sein, wie sich im Laufe des Rennens zeigte.

Über die zentrale Storgata liefen wir los. Die Route führte uns in südlicher Richtung aus der Stadt heraus. Bereits nach den ersten Metern stellte ich fest, es war gut mit Spikes zu laufen, da die Strecke verschneit und teilweise vereist war. Dennoch schaffte ich auf den ersten 3 Kilometern eine Pace-Zeit (Schnitt) von rund 4:30 Minuten/Kilometer. Weiter ging es dann Richtung Flughafen. Dabei durchliefen wir die Wohngebiete von Tromsö, wo immer wieder Zuschauer den Läufertross mit „Heija-Heija-Rufen“ anfeuerten. In Höhe der Südspitze der Insel Tromsöya mündet der Mellomsveien in den Kvalöyvegen ein.

Ab hier bewegten wir uns nun nicht mehr im Schutz der örtlichen Bebauung. Vielmehr waren wir schonungslos dem Wind, der über den Tromsöysund reingedrückt wurde, ausgeliefert. Die für diese Breiten doch moderate Temperatur fühlte sich direkt 10 Grad kälter an. Zu allem Überfluss fing es dann noch an heftig zu schneien. Schnee wäre ja noch zu verkraften gewesen, aber die mitgelieferten Eiskristalle stellten schon ein natürliches Peeling für die Haut dar. Am nächsten Tag sah ich dann auch aus, als hätte ich zu lange in der Sonne gelegen. Meine Pace-Zeiten fielen ab hier kontinuierlich in den Keller. Erst brauchte ich rund 5:00 Minuten/Kilometer, später dann 5:30 Minuten/Kilometer. Von meiner Zielzeit 1:45:00 konnte ich mich somit verabschieden. Das neue Ziel lautete unter 1:50:00 zu bleiben.

Im Bereich des Flughafens gerieten wir nun in richtiges Schneetreiben. Kilometerangaben hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gesehen. Da ich aber die Karte studiert hatte, wusste ich, dass die Hälfte ungefähr absolviert war. Nach ein paar Stichstraßen, in denen Wendepunkte durchlaufen werden mussten, ging es nun wieder zurück Richtung Tromsö.

Wir befanden uns in diesem Routenabschnitt (Kilometer 5 bis 16) auf Meereshöhe null, so dass wir den Winden schonungslos ausgesetzt waren. Ab Kilometer 10 merkte ich dann aber auch meine Beine, so dass ich die Versorgungsstände, die sich mir boten, immer in Anspruch nahm, um nicht nur Wasser sondern auch isotonische Getränke nachzuladen.

Das Wasser war eisig kalt und mein Magen machte sich deshalb umgehend zwickend bemerkbar. Das eiskalte Trinken auf Ex kam wohl nicht so gut an. Der Inhalt der weiteren Becher wurde somit erst einmal im Mund vorgewärmt. Jetzt klappte es prima. Zwischen den nun folgenden Wasserstationen merkte ich aber schon, dass die Kräfte in deinen Beinen endlich sind. Insbesondere kurz vor den Wohngebieten zog die Straße noch einmal steil an und ich musste kurzzeitig eine Schrittpause einlegen. Dann wieder ein isotonisches Getränk nachladen und weiter. Hier lag nun meine Pace-Zeit zwischen 5:30 und 6:00 Minuten/Kilometer.

Im Bereich der Stadt wieder angekommen, ging es die letzten eineinhalb Kilometer schnurstracks die Storgata entlang. Als ob es nicht reichen sollte, kurz vor dem Ziel, natürlich mit einer schönen kontinuierlichen Steigung versehen. Nun hieß es die letzten Reserven mobilisieren und unter den Heja-Heja-Rufen ins Ziel sprinten.

Mit einer Nettozeit von 1:56:58 schaffte ich so einen 288. Platz von 670 Finishern und einen 82. Platz in der Altersklassen-Wertung. 4 Starter erreichten das Ziel leider nicht. Mit meiner Zeit war ich letzten Endes doch sehr zufrieden, da das Laufen auf Schnee und Eis eben doch etwas ganz anderes ist und zudem extrem kräftezehrend. Auch ist die Strecke nie plan und geprägt durch Buckel, Querrillen und Matschlöcher.

Die Durchschnittstemperatur im Januar des Vorjahres betrug -5,6 Grad. Insofern empfiehlt es sich dringend warme und vor allem windfeste Laufkleidung im Gepäck zu haben, da die gefühlte Temperatur deutlich kälter ausfällt. Schuhe mit integrierten Spikes sind dringend zu empfehlen. Von den umschnallbaren Spikes, die man in Tromsö für kleines Geld überall kaufen kann, halte ich persönlich gar nichts. Rund eine Hand voll dieser „Mobil-Spikes“ habe ich unterwegs vereinsamt auf der Strecke liegen sehen.

Am Abend fand dann noch im Scandic Ishavshotel die Preisverleihung, ein Läuferdinner sowie ein Feuerwerk statt.

Neben dem Polar Night Halfmarathon bietet der Veranstalter auch einen 10 Kilometer- und einen 5 Kilometer-Lauf an. Besonders erwähnenswert ist, dass im Falle von Krankheit oder Verletzung, die Startgebühr nicht verloren ist. Vielmehr kann sie auf das nächste Jahr übertragen werden. Diesen Service bieten wahrlich nicht viele Veranstalter an.

Informationen zum Rennen erhaltet Ihr auf der Website des Polar Night Halbmarathons.

Special thanks to Truls Melbye Tiller for allowing me to use some of his pictures for my Blog. I find them fantastic. Euch allen allzeit gute Läufe!

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10 Gedanken zu “Polar Night Halfmarathon 2017 – Herausforderung pur bei Norwegens nördlichstem Winterrennen (21,1 km/HM)

  1. Ich lebe in Tromsø und bin den Lauf auch gelaufen, habe Sie glaube ich sogar gesehen! Freut mich zu sehen, dass so viele Gäste eine gute Zeit in Tromsø hatten 🙂

    Ich habe einen Kommentar bzgl. Kälte und dem Lauf in Sibirien. Die Temperatur in Tromsø letzten Samstag war wohl fast überall knapp über 0 – wir hatten ja Matsch, Schneeregen, Eisregen. In Omsk ist es im Januar dagegen ordentlich kalt, üblicherweise zw. -10 und -20 Grad. Ich glaube, das ist ein gigantischer Unterschied – ich bekomme hier in Tromsø bei -10 Grad beim Laufen so langsam Probleme beim atmen und laufe deshalb dann gar nicht oder nur sehr vorsichtig draußen (zum Glück ist es nicht häufig so kalt hier).

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    1. Hallo Lars, das mit den Temperaturen ist sicher richtig und ist auch zwingend für sich selbst zu beurteilen, ob das wohl klappen kann. Mir ging es insbesondere aber auch um den Untergrund. Ich habe zwar Spikes-Schuhe, die aber bisher lediglich auf Waldböden, also bei Crossläufen benutzt. Und da auch sehr wenig. Da ich bisher nicht wusste, wie es sich mit Spikes auf Eis und Schnee verhält, war das schon ein guter Test. Die reise nach Sibirien ist einfach zu teuer, wenn man im Vorfeld nicht weiß, ob die Ausrüstung funktionabel ist. Auch wenn es nicht angenehm war, war es aber interessant zu erleben, wie man bei dem eisigen Wind klar kommt, der da durch den Fjord reingeblasen wurde. Tromsö war für mich nicht das letzte mal. Ihr habt ja da auch noch einen schönen Sommerlauf und der Berglauf ist ja auch durchaus interessant. Vielleicht trifft man sich ja mal, Gruß in die Dunkelheit ;-).

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  2. Hi Matthias, Du machst ja echt spannende Sachen! 🙂 Auf so eine Idee würde ich selbst erstmal garnicht kommen, aber wenn man Deinen Bericht so liest… Besten Dank dafür! 🙂

    Gruss

    Thomas

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      1. Mal eine Detailfrage: mit welchen Handschuhen bis Du gelaufen? Ich habe mir heute bei -2 Grad mal wieder die Finger abgefroren – mit den wärmsten Laufhandschuhen, die ich habe…

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      2. Ich habe die ganz billigen Dinger von Decathlon, die aber aus meiner Sicht top sind. Ich habe das „Problem“, dass mir meist eh zu warm an den Händen und am Kopf ist und ich nach einer gewissen Zeit diese Utensilien ausziehe. Ich hatte erst überlegt, ob ich mir dickere Handschuhe kaufe, habe es aber dann gelassen – war gut so 😉

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      3. Hmm… Das hatte ich mir von den Bildern her fast schon gedacht, konnte es aber nicht ganz glauben. 😉 Das sind die, bei denen man eine zweite Schicht aus dem Bündchen zaubern kann, oder? Selbst damit ist mir noch zu kalt, wenn es richtig kalt und windig ist… 😦

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      4. Nein, da kann man nichts rausziehen. Das sind ganz einfache Dinger. Nicht mal dick. Kosten 7 oder 9 Euro. Was Kälte angeht, bin ich aber auch nicht repräsentativ ;-), da ich mich eher bei Kälte wohl fühle, als bei Wärme.

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