Manche Läufe misst man in Kilometern. Andere in Höhenmetern. Der TOP20Run beim Gornergrat-Zermatt-Marathon lässt sich mit beidem nur unzureichend beschreiben. Er beginnt dort, wo für die Halbmarathonläufer das Ziel wartet – und genau das machte für mich den Reiz dieser Strecke aus. Nach meinem Halbmarathon 2023 wollte ich wissen, was hinter dieser Weggabelung auf mich wartet.
Immer wenn man denkt, da geht nichts mehr, gibt es dennoch eine Steigerung. Als ich 2023 den Gornergrat-Zermatt-Halbmarathon erstmals erfolgreich absolvierte, stand für mich bereits fest, dass dies nicht mein letzter Lauf in Zermatt sein würde. Der TOP20Run, der über den Riffelberg hinaus bis auf das Gornergrat führt, hatte sich längst in meinem Kopf festgesetzt. Die einzige offene Frage war nicht ob, sondern wann. In diesem Jahr war es schließlich so weit.
Die Anreise begann allerdings turbulenter als geplant. Mein ursprünglich gebuchter Campingplatz in Zermatt war wegen Steinschlaggefahr kurzfristig geschlossen worden. Zwei Tage vor der Abfahrt musste eine Alternative her. Über 600 Euro für drei Nächte in Zermatt kamen für mich nicht infrage. Also suchte ich entlang des Mattertals nach einer Lösung und wurde schließlich in Randa fündig. Dort war der Campingplatz zwar geöffnet, Reservierungen wurden allerdings nicht angenommen. Also blieb nur die Hoffnung auf einen freien Platz – und als Plan B drei Nächte im Auto.
Zum Glück ging alles gut. Das Zelt stand schnell, die Ausrüstung war vorbereitet und ich konnte den Freitag entspannt in Zermatt verbringen. Tagsüber zeigte sich das Mattertal sommerlich warm, doch sobald die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es überraschend kühl. Eine spontan gekaufte Trekkinghose aus einem Sportgeschäft in Zermatt erwies sich später als eine der besseren Investitionen des Wochenendes.











Am Samstagmorgen klingelte der Wecker früh. Das Thermometer zeigte nur wenige Grad, das Zelt lag noch im Schatten und ausgerechnet jetzt meldete sich mein Rücken. Ausgerechnet heute! Eine Portion Wärmesalbe, die mich eher an ein Seniorenheim erinnerte als an einen Wettkampf, musste Abhilfe schaffen. Wenig später saß ich auf dem Mountainbike Richtung Bahnhof Randa – die Hoffnung, dass sich der Rücken mit jedem Meter lockern würde, war größer als die Sorge.
Selbst die Schweizer Bahn sorgte noch für eine kleine Überraschung. Der Zug traf tatsächlich mit zwölf Minuten Verspätung ein – in der Schweiz fast schon ein historisches Ereignis, in Deutschland vermutlich noch innerhalb der Toleranz. Immerhin holte der Lokführer die verlorene Zeit bis Zermatt vollständig wieder auf.
In Zermatt herrschte bereits reges Treiben. Während sich die langen Schlangen vor den mobilen Toiletten bildeten, nutzte ich meine Ortskenntnis und steuerte eine kleine öffentliche Toilette am Triftbach an – einer der Vorteile, wenn man nicht zum ersten Mal hier ist. Danach folgte eine kurze Laufrunde zum Aufwärmen, die Abgabe des Kleiderbeutels und schließlich der Weg zum Bahnhof, wo der Start erfolgte.
Um 9:30 Uhr fiel pünktlich der Startschuss. Knapp 290 Läuferinnen und Läufer machten sich gemeinsam auf den Weg. Anders als beim Halbmarathon entfiel diesmal die Schleife durch den hinter Zermatt gelegenen Weiler Blatten. Stattdessen ging es direkt hinein in den Anstieg – und damit begann ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen sollte.
Bekannte Wege – und doch jedes Mal aufs Neue beeindruckend
Die ersten Kilometer verliefen auf vertrautem Terrain. Über die Hofmatt- und Steinmattstraße führte die Strecke rasch zur Riedstraße, wo der eigentliche Anstieg begann. Bereits nach wenigen Minuten tauchte der Trubel von Zermatt hinter den Bäumen ab und der schmale Bergweg führte hinein in den schattigen Lärchenwald.

Den Streckenverlauf bis zum Riffelberg habe ich bereits in meinem Bericht über den 21. Gornergrat-Zermatt-Halbmarathon ausführlich beschrieben. Deshalb möchte ich mich diesmal auf die Eindrücke konzentrieren, die diesen Lauf erneut so besonders machten.
Der erste markante Punkt war das Chalet Ried, hoch über den Dächern Zermatts gelegen. Von dort eröffnete sich der erste beeindruckende Blick hinunter ins Mattertal. Wenig später folgte Patrullarve. Das Gebäude, das ich aus den vergangenen Jahren noch kannte, war inzwischen verschwunden und wurde neu errichtet. Die Gastfreundschaft der Helfer hatte sich dagegen nicht verändert – die Verpflegungsstation war wieder hervorragend organisiert.
Mit jedem Höhenmeter wurde die Aussicht spektakulärer. Spätestens im Weiler Tufteren blieb kaum ein Läufer unbeeindruckt stehen. Zwischen den alten Walliser Stadeln erhob sich das Matterhorn in seiner ganzen majestätischen Schönheit. Nur eines war anders als sonst: Zum ersten Mal erlebte ich den wohl berühmtesten Berg der Alpen nahezu schneefrei. Ein faszinierender, zugleich aber auch nachdenklich stimmender Anblick, denn die sommerliche Wärme macht den Berg zunehmend instabil und stellt Alpinisten vor immer größere Herausforderungen, was sich eine Woche nach dem Lauf leider zeigen sollte.
Über Sunnegga führte die Strecke weiter hinab zum Leisee, dem kleinen Bergsee, der wegen seines flachen Ufers auch als „Badestrand von Zermatt“ bekannt ist. Der kurze Abstieg war allerdings nur von kurzer Dauer. Was bergab geht, muss im Gebirge auch wieder hinauf – und der folgende Anstieg mit Steigungen von bis zu 17 Prozent brachte selbst viele erfahrene Bergläufer an ihre Grenzen.










Durch das idyllische Findeltal verlief der Weg anschließend vorbei an blühenden Bergwiesen, rauschenden Gebirgsbächen und uralten Lärchen bis zur Mountain Lodge Ze Seewjinu. Spätestens hier hatte ich das Gefühl, richtig gut unterwegs zu sein. Die Beine fühlten sich erstaunlich frisch an, der Rücken, der mir am Morgen noch Sorgen bereitet hatte, war längst vergessen und die Kilometer vergingen beinahe wie von selbst.
Nach der Riffelalp wartete schließlich noch einmal ein echter Härtetest. Der Schotterweg schraubte sich mit über zwanzig Prozent Steigung den Hang hinauf. Genau hier hatte ich beim Halbmarathon 2023 erstmals richtig kämpfen müssen. Diesmal fühlte sich alles anders an. Zwar war an Laufen kaum noch zu denken, doch mit gleichmäßigen, kräftigen Schritten arbeitete ich mich kontinuierlich nach oben und erreichte den Riffelberg deutlich früher als zwei Jahre zuvor.
Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigte mein Gefühl. 2:47 Stunden. Hätte mein Rennen hier geendet, hätte ich meine Halbmarathonzeit um mehr als eine halbe Stunde verbessert. Doch diesmal gab es kein Zielband. Vor mir lag die Weggabelung. Nach links führte der vertraute Weg ins Ziel des Halbmarathons. Nach rechts begann das Abenteuer, wegen dem ich nach Zermatt zurückgekehrt war.
Für einen kurzen Moment hätte mein Körper die linke Abzweigung bevorzugt. Doch genau deshalb stand ich heute hier. Ich wollte wissen, wie sich der Berg hinter dem Riffelberg anfühlt – dort, wo aus einem Berglauf langsam eine hochalpine Tour wird. Mit diesem Schritt änderte sich alles.
Hinter der Weggabelung beginnen der Kampf und das Abenteuer
An der letzten Verpflegungsstation vor dem Anstieg füllte ich meine Energiereserven noch einmal auf. Wasser, Cola, Iso-Getränke und ein Gel – jetzt galt es, nichts dem Zufall zu überlassen. Dabei fiel mein Blick auf das Panorama. Direkt vor mir erhoben sich das Breithorn und die gewaltigen Eisflanken des Monte-Rosa-Massivs. Während das Matterhorn bislang mein ständiger Begleiter gewesen war, öffnete sich nun eine völlig neue Bergwelt. Für einen kurzen Augenblick spielte die Uhr keine Rolle mehr. Manche Ausblicke muss man nicht fotografieren – man muss sie einfach genießen.











Der schmale Singletrail führte zunächst noch gemächlich über die sanften Wiesenbuckel entlang. Schnell wurde es aber felsiger und steiler. Wanderer blieben stehen, applaudierten und feuerten uns an. Die Atmosphäre war außergewöhnlich herzlich. Es ging längst nicht mehr darum, eine gute Zeit zu laufen. Jeder wusste, dass hier oben jeder Schritt erarbeitet werden musste.
Neben mir blieb ein Läufer stehen, der ebenfalls den Ausblick bewunderte. „Was für ein herrlicher Weg“, meinte er lächelnd. Ich nickte zustimmend und erzählte ihm, wie überrascht ich sei, dass ich mich trotz der vielen Höhenmeter noch immer so locker fühlte. Er grinste nur und antwortete: „Warte ab, gleich kommt das Stück bergab. Dort habe ich beim letzten Mal Krämpfe bekommen.“
Und plötzlich ging nichts mehr – Stillstand auf 2.805 m
Er verabschiedete sich und lief weiter. Keine hundert Meter später sah ich ihn wieder. Er stand am Wegesrand, von heftigen Krämpfen geplagt. Wenige Augenblicke später konnte er zwar weiterlaufen, doch seine Worte sollten mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Denn plötzlich spürte auch ich ein leichtes Ziehen im hinteren rechten Oberschenkel. „Nicht jetzt“, dachte ich.

Doch der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da schoss der Krampf bereits durch den Muskel. Ein stechender Schmerz zwang mich abrupt zum Stehen. Das war genau das Szenario, das ich unbedingt hatte vermeiden wollen. Schnell griff ich zum Salz und trank die letzten Schlucke Wasser. Vor mir kämpfte eine Läuferin mit demselben Problem. Ein tschechischer Teilnehmer reichte ihr eine kleine Flasche mit den Worten: „Schmeckt schrecklich, hilft aber.“
Sie nahm einen Schluck und bot mir den Rest an. Ich lehnte nicht ab. Sie hatte recht. Es schmeckte tatsächlich grauenhaft. Aber es wirkte unmittelbar.
Langsam setzte ich mich wieder in Bewegung. Zwar deutlich vorsichtiger als zuvor, doch Schritt für Schritt gewann ich wieder Vertrauen in meine Beine. Der kurze Halt hatte mich zwar wertvolle Zeit gekostet, doch das spielte inzwischen kaum noch eine Rolle. Das Ziel war jetzt nicht mehr die Uhr, sondern das Gornergrat.
Kurz darauf tauchte der Riffelsee vor mir auf. Seine spiegelglatte Oberfläche reflektierte die vergletscherten Gipfel des Monte-Rosa-Massivs – eines jener Bilder, die man zwar von Postkarten kennt, deren Wirkung sich jedoch erst erschließt, wenn man selbst dort steht. Ich blieb einen Moment stehen und ließ die Szenerie auf mich wirken. Allein dieser Anblick war die Strapazen des bisherigen Tages wert gewesen.











Aller guten Dinge sind zwei – es krampft erneut
Doch der Berg hatte seine Prüfung noch nicht beendet. Kaum hatte ich den Blick wieder nach vorne gerichtet, meldete sich der linke Oberschenkel. Wenige Sekunden später verkrampfte auch dieses Bein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blieb ich erneut stehen. Der nächste Versorgungsposten war bereits zu sehen – gefühlt nur wenige Meter entfernt. Tatsächlich trennten mich aber noch einige quälende Höhenmeter von den Helfern. Ich schleppte mich langsam weiter. Jeder Schritt wurde zur Überwindung. Im Hochgebirge gelten andere Regeln. Hier entscheidet nicht der Ehrgeiz, sondern der Berg.
Mit jedem Schritt kämpfte ich mich dem Versorgungsposten entgegen. Als ich ihn schließlich erreichte, war sofort klar, dass meine Probleme nicht unbemerkt geblieben waren. „Matthias, wir müssen erst einmal schauen, ob es für dich überhaupt weitergehen kann“, sagte der Arzt, während ich mich erschöpft auf die Bank sinken ließ. Das saß. Nur noch rund einen Kilometer bis zum Ziel. Knapp 300 Höhenmeter trennten mich vom Gornergrat – und ausgerechnet jetzt sollte Schluss sein?
Doch im Hochgebirge gelten andere Regeln als im Tal. Hier steht nicht die Zielzeit an erster Stelle, sondern die Gesundheit. Genau deshalb hatte ich großes Vertrauen in das medizinische Team. Ein Physiotherapeut nahm sich meiner Beine an und begann sofort mit der Behandlung. Währenddessen musste ich unweigerlich schmunzeln. „Für deine Wehwehchen hast du dir wirklich den schönsten Platz der gesamten Strecke ausgesucht“, bemerkte er.
Ein Blick genügte, um ihm recht zu geben. Rings um den Versorgungsposten erhoben sich die schneebedeckten Viertausender, Gletscher glitzerten in der Sonne und unter mir lag der Riffelsee. Wenn man schon ungeplant pausieren musste, dann tatsächlich an einem der spektakulärsten Orte der Alpen.











Es gab mehrere warme Boullions, Elektrolyte und eine hoch dosierte Magnesiumtablette. Nach den Behandlungen lockerten sich die Muskeln spürbar. Die Krämpfe waren verschwunden. Vorsichtig stand ich auf, machte einige Schritte und wartete auf das Signal des Arztes.
Grünes Licht – die letzten Höhenmeter
„Probier’s halt. Aber höre auf deinen Körper.“ Mehr musste er nicht sagen. Die Uhr spielte längst keine Rolle mehr. Es ging nur noch darum, diesen Berg aus eigener Kraft zu bezwingen.
Langsam setzte ich mich wieder in Bewegung. Überraschenderweise fühlten sich die Beine deutlich besser an als erwartet. Der Weg führte nun immer weiter durch die Felsen und durch eine karge Hochgebirgslandschaft. Aus dem Berglauf war längst eine alpine Wanderung mit Laufeinlagen geworden. Jeder Schritt brachte mich näher an mein Ziel. Schließlich tauchte das Gornergrathaus vor mir auf.
Noch eine kleine Senke. Ein letzter Anstieg. Die steilen Serpentinen. Die Treppen hinauf zur Brücke über die Gornergratbahn. Noch einmal tief durchatmen. Dann trabte ich die letzten Meter bewusst an. Nicht, weil es schneller gewesen wäre. Sondern weil ich diesen Lauf laufend beenden wollte.










Mehr als nur ein Zieleinlauf
Nach 4:29:34 Stunden, 1.850 Metern im Aufstieg und 360 Metern im Abstieg, überquerte ich die Ziellinie vor dem Gornergrathaus auf 3.089 Metern Höhe. Geschafft. In diesem Moment waren Zeit und Platzierung völlig nebensächlich. Natürlich freute ich mich über Rang 263 (286) im Gesamtfeld, Platz 156 (182) bei den Männern und Rang 23 (27) meiner Altersklasse.
Doch das war nicht das, woran ich mich später erinnern würde. Ich hatte den Gornergrat erreicht. Nach all den Krämpfen. Nach all den Zweifeln. Und genau das machte diesen Lauf für mich zu etwas Besonderem.
Mit einer Aluminiumdecke um die Schultern, der Medaille um den Hals und dem Finisher-Shirt in der Hand trat ich hinaus auf das Aussichtplateau. Vor mir öffnete sich eines der eindrucksvollsten Panoramen der Alpen. Der Gornergletscher zog sich wie ein gewaltiges Band durch die Bergwelt, darüber reihten sich die schneebedeckten Viertausender aneinander – Breithorn, Dufouspitze, Lyskamm, Castor und Pollux und das mächtige Monte-Rosa-Massiv.
Ich lehnte mich an die steinerne Brüstung und ließ den Blick schweifen. Plötzlich waren sie wieder da. Die Erinnerungen. Vor gut zwanzig Jahren war ich gemeinsam mit meinen Eltern auf dem Breithorn unterwegs gewesen. Wenig später führte mich eine Tour zur Monte-Rosa-Hütte. Daran zurückgedacht, war ich dann doch ein wenig nah am Wasser gebaut. Vermutlich war es aber auch einfach die Gesamtsituation, diesen Lauf am Ende geschafft zu haben.











Mit der Gornergratbahn ging es schließlich zurück zum Riffelberg, wo mein Kleiderbeutel auf mich wartete. Frische Kleidung fühlte sich selten so gut an. Wenig später brachte mich der Zug zurück nach Randa.
Im Basecamp ließ ich den Tag noch einmal Revue passieren. Was blieb? Nicht die Endzeit. Nicht die Platzierung. Nicht einmal die Krämpfe. Geblieben sind wieder einmal die Bilder. Das Matterhorn über den alten Walliser Stadeln von Tufteren. Der Blick über den Riffelsee zum Monte-Rosa-Massiv. Die Stille hoch über der Baumgrenze. Die Hilfsbereitschaft der Helfer und Mitläufer. Und schließlich das Gefühl, nach einem langen Tag aus eigener Kraft auf dem Gornergrat angekommen zu sein.
Der TOP20Run ist weit mehr als ein Berglauf. Er ist eine Reise durch eine der beeindruckendsten Hochgebirgslandschaften Europas – und eine Reise zu den eigenen Grenzen. Eines steht deshalb heute schon für mich fest: Ich werde nach Zermatt zurückkehren. Nicht, um eine Bestzeit zu jagen. Sondern um diesen Berg noch einmal zu erleben.
Allzeit gute Läufe!